Gewaltfrei von ganzem Herzen

Dritter Seminartag, es geht noch immer um „Gewaltfreie Kommunikation“. Wir lernen, über unsere Bedürfnisse zu sprechen und wertschätzend-mitfühlende Sätze zu formulieren. Kurz vor der Pause übt eine Teilnehmerin Kritik am organisatorischen Ablauf des Seminars. Und der Seminarleiter? Reagiert gekränkt und patzig. Und ich denk mir: „Aha, der kriegt das also auch nicht immer hin.“

„Gewaltfreie Kommunikation“ ist ein Konzept, das man in jedem Bereich des Lebens anwenden kann (ich habe hier schon mal kurz was dazu geschrieben). 

Dabei geht es darum, sich in das Gegenüber einzufühlen, um Beobachtung ohne Bewertung, um ehrliche und klare Kommunikation, um „die Sprache des Herzens“. Eigentlich eine großartige Sache. 

Und trotzdem: Das Thema lässt mich nicht rein. Vielleicht liegt es an der Sprache, die man dabei verwenden soll? Oder an den einzelnen Bausteinen, die jeden Satz etwas gestelzt wirken lassen? Die Bausteine, das sind

  • Beobachtung schildern ohne Bewertung
  • Gefühle beschreiben, die das in einem auslöst
  • Bedürfnis erklären, das man hat
  • Bitte oder Wunsch, den man formuliert

Und das hört sich dann zum Beispiel so an:

„Bei unseren Videokonferenzen schaltest Du die Kamera nicht ein und wir können Dich nicht sehen. Das frustriert mich, denn ich möchte, dass wir uns als Team zusammengehörig fühlen. Könnten wir bitte einmal darüber sprechen?“

Hm. 

In dem oben erwähnten Seminar brachten wir alle eigene Themen mit, Beispiele, in denen es darum ging, einer anderen Person etwas Schwieriges zu sagen. Wir lasen uns vor, wie sich das anhören könnte im Sinne der „Gewaltfreien Kommunikation“. 

Bei einigen dieser Beispiele hätte ich vor lauter Rührung am liebsten losgeweint. Keine der vorgetragenen Bitten hätte ich abschlagen können.

Warum ich das Thema für mich selbst bisher noch nicht umarmen konnte? Keine Ahnung. Ich bleib dran.

6

12. November 2020, Kategorie: